OELS 1945

Ich war 15 (Jahre alt)

Vor einiger Zeit bekam ich von einer Einwohnerin von Olesnica den Artikel "Archiwa Pamiêci" von Bozena Kula- freundlicherweise gleich ins Deutsche ûbersetzt- zugeschickt. Gleich der erste Satz hat mich tief beeindruckt und in den Bann geschlagen: "Wenn du ein altes Haus auf dem Dorf oder in der Stadt siehst: Denkst du manchmal nach, wer das Haus gebaut hat und welches Schicksal die vorigen Besitzer erlebt Haben? Es waren Deutsche".
Dieser Satz und der folgende Artikel- der inhaltlich hätte von mir selbst geschrieben sein können- hatte zewi Wirkungen auf mich:

Als erstes empfand ich voller Dankbarkeit den Geist von Menschlichkeit, Toleranz und Ehrlichkeit, der jeden Satz auszeichnete. Und zweitens war ich plötzlich wieder ein Junge von 15 Jahren im Jahre 1945. Wir wohnten in einem Haus in der Beethovenstraße (heute Chopina) in Oels, in dem ich geboren wurde, welches meine Heimat war, wo ich die ersten 11 Jahrzenhnte meines Lebens mit absoluter Selbstverständlichkeit verbrachte. Ich spielte auf der Straße und in unserem Garten mit meinem Freunden, die um uns herum wohnten. Wir gingen im Sommer in die Badeanstalt und Fuhren mit alten Fahrrädern in die umliegenden Dörfer. Im Winter sausten wir auf Holzbrettern den neheliegenden Bahndamm herab oder fuhren Schlittschuh auf den Teichen. Die "Fasanernie" am Schloß sah so manch wildes Indianerspiel. Meine Schwester arbeitete bei der Post, mein Bruder Dieter besuchte die Unterprima des städtischen Gymnasiums, in deren unteren Klassen auch ich mich herumquälte. Mein Vater war der Rektor der großen Knabenschule an der Beethovenstraße. Mein Hobby waren Kaninchen, die ich eifrig pflegte, fütterte und züchtete. Am 20. Januar 1945 war dieses alles mit einem Schlag zuende. Noch heute sehe ich meine Mutter vor mir, die weinend und laut schluchzend im Schlafzimmer auf den Knien lag und Gott um Gnade und Rückkehr anflehte, bevor wir unsere Wohnungstüssel habe ich noch heute.

Es folgte eine gräßliche Flucht durch tiefen Schnee und eisige Kälte, vorbei an müden Soldaten, Flüchtlingen, brennenden Ortschaften, Toten, Toten, Toten...

Als uns die Rote Armee im Mai 1945 in Mecklenburg überrollte, zwang siê uns, nach Oels zurückzuggehen. 800 Kilometer zu fuß durch ein zerstörtes, brennendes Deutschland: Meine Mutter, meine Schwester mit 3 kleinen Kindern, 4 Jahre, 3 Jahre und das Jüngste ein paar Tage alt. Es starb schon in den ersten 48 Stunden. Dieser Rückweg war die Hölle. Schlimmer noch als die erste Flucht. Doch ein Gedanke, ein Ziel Hielt uns aufrecht: Oels!

Aber wie sah unser schmuckes Heimatstädtchen aus! Trümmer, Dreck, Brandruinen, Schutt, Ruß... Und als wir es wagten, vor die Tür unseres Hauses zu treten- da stellte sich ein polnischer Soldat breitbeinig und mit der Maschinenpistolete quer vor der Brust auf die niedrige Treppe und sagte nur 3 Worte: "Deutsches Schwein- raus!"

Wir hatten nur wenige Sachen, waren unterwegs mehrmals ausgeraubt worden. So liefen wir nach dem benachbarten Dorf, das damals Ludwigsdorf hieß und räumten den Schutt und den Dreck aus einem Zimmer im Hause meines Schwagers, um dort unterzukriechen. Aber bald kamen russische Soldaten und zwangen uns, für siê zu arbeiten: Meine Mutter mußte die Kühe der russischen Komendantur melken und misten, und ich bekam einen Wagen und zwei Pferde, die ich pflegen und versorgen mußte. Und dann fuhren wir jeden Tag in einem Zug von 15 oder 20 Wagen im Landkreis Oels herum und holten aus den Dörfen, was noch vorhanden war und sich transportieren ließ: Brennholz und Mehl, Schwine und Maschinen, Getreide und Möbel... In Oels wurde alles auf russische Armeelastwagen verladen und nach Osten transportiert. Die Behandlung seitens der Russen war zutiefst erniedrigend. Noch heute höre ich iher Schreie: "Dawai!! Pascholl!! Roboti!! Bistrai!!."- Die ersten polnischen "Seidler" verhielten sich uns gegenüber total gleichgültig: Nicht gut, aber auch nicht böse.

Und dann kam es tatsächlich so, wie es in dem Artikel von Bozena Kula steht: Im Herbst 1945 wurden wir zum zweiten mal hinausgejagt!

Naturlich hatten wir uns in den vergangenen Monaten immer wieder einige Kleinigkeiten "angeschafft": aus den Trümmern der Häusner hatten wir hier einen Topf, dort eine Gabel, da eine Mütze geholt. Auf unserem letzten Weg zum Bahnhof nach Oels wurde uns auch dieser schäbige Rest gestohlen. Erneut hatten wir nur noch die Dinge auf unserem Leib. Aber wir hatten unser Leben!

Und dieses begann schließlich in Westdeutschland. Langsam und schwer. mein Vater war noch für weitere harte 4 Jahre in polnischer Gefangenschaft (in Poznan); mein Bruder war tot. Ich ging zur schule, zur Universität, wurde Lehrer.

An Oels hatte ich über all diese Jahre nur böse Erinnerungen. Es zog mich nicht zurück in meine Geburts- und Jugendstadt. Ich mußte mir hier in Deutschland eine neue Heimat aufbauen.

Als ich dann doch 1995 mit klopfendem Herzen vor meinem "Vaterhaus" stand- da war alles ganz anders. Natürlich war Oels stark verändert, vieles Alte war verschwunden, viel Neues stand da. "Unser Haus" war nun altersschwach. Aber: Statt des Soldaten mit der Kalatschnikow kam uns eine überaus liebenswürdige und lezibenswerte, warmherzige Dame entgegen, die uns mit ihrer herzlichen Gastfreundschaft geradezu überschüttete. Dies war nun genau der Geist aus dem Zeiutungsartikel, der Geist des neuen Polen. Er drückte aus: Wir alle sind nur Menschen; auch wir wurden vertrieben; Ihr und wir haben Gleiches erlitten, wie doch immer das kleine volk unter Polityk leidet; laßt uns unsere Hände fassen; seien wir im schönsten Sinne christlich zueinander, verbannen wir Haß und Rache aus uns.

Es ist für mich noch immer jedesmal ein tief bewegendes Gefühl, wenn ich in Südwestdeutschland an meinem Schreibtisch sitze und mit ein paar Fingerbewegungen die Telefonnumer in Olesnica wähle- und kurz darauf mit dem Haus meiner Geburt und meiner Jugend verbunden bin.

Und ich bin glücklich darüber. Glücklich, daß dieses technisch, politisch und menschlich möglich ist. Und ich bin glücklich, daß die Nazis diesen schrecklichen Krieg verloren haben- auch um den Preis meiner Heimat. Glücklich auch, daß ich nicht den leisesten Schimmer von Revangedanken oder Haß in mir spüre; vielmehr die ganz einfache Wahrheit: Hätten die Deutschen 1939 den Krieg nicht begonnen, wäre alles, alles ganz anderes geworden. Und ich bin zutiefst dankbar, daß ich von keinen Polen auch nur ein böses Wort der Schuld oder der Schadenfreude oder der Verachtung höre. Nur wunderbare Menschlichkeit.

Auch ich habe unter diesem verfluchten Kreig gelitten und war noch zu jung, um Verantwortung zu tragen. Doch auch ich will das durch die Jahrhunderte der Geschichte geschundene polnische Volk um Vergebung bitten und ihm Frieden, Wohlergehen und eine in jeder Hinsicht glückliche zukunft wünschen.

Reinhard Pilz
Freiburg/Br., November 2000